Historie

Die Entwicklungsgeschichte der Freimaurerei

Die legendären Wurzeln der Freimaurerei reichen bis in die Antike zurück. Nachweisbar ist, dass die heutige Freimaurerei im Mittelalter aus sog. Steinmetzbruderschaften hervorgegangen ist, also den Vereinigungen jener Kunsthandwerker (engl. »Freemasons«), die mit der Errichtung von Kathedralen ihren Unterhalt verdienten. Voraussetzung war ein ungewöhnlich hoher Bildungsgrad.

Eine Kathedrale mit mittelalterlichen Mitteln zu errichten war eine Meisterleistung, Bauleute waren entsprechend gefragte Fachkräfte. So gefragt, dass sie ständig unterwegs waren, in einer Zeit, in der die wenigsten Menschen mehr als ihr eigenes Dorf kennengelernt haben. Die Steinmetzbrüder waren gewissermaßen die ersten nicht adeligen und nicht geistlichen Kosmopoliten. Sie eigneten sich einen Horizont an, der weit über Landesgrenzen hinausreichte, mit einem grenzübergreifenden Netzwerk lokaler „Bauhütten“ (engl. »Lodges«, »Logen«), in denen das Brauchtum gelehrt und das Fachwissen an neue Brüder weitergegeben wurde. In diesen “Logen” gab es in Ansätzen sogar bereits ein soziales Sicherungssystem und eine demokratische Struktur. Und natürlich setzte solch eine multikulturelle Vereinigung Toleranz gegenüber Andersdenkenden voraus – damals ebenfalls ungewöhnlich!

Vermutlich infolge der Kreuzzüge brachten die Steinmetze um 1300 die »Gotik« vom Morgen- ins Abendland, einen Baustil, der philosophisches und spirituelles Wissen verschiedenster Epochen und Kulturkreise spiegelt. Als der gotische Bauboom im 16. Jahrhundert durch Aufklärung und Reformation zum Erliegen kam, sicherten englische Logen ihr Fortbestehen durch die Aufnahme von Fördermitgliedern. Da die Steinmetzbruderschaften wegen ihrer toleranten Haltung immer noch hohes Ansehen genossen, zogen die Logen auch Adelige und Bürgerliche an – darunter Dichter und Denker, Kaufleute und Kirchenmänner, Forscher und Handwerker. Und weil die Brüder – eigentlich zum Schutz des Fachwissens vor der Konkurrenz – traditionell zur Verschwiegenheit verpflichtet waren, konnten sich in den Logen Menschen verschiedenster Herkunft und Stände gefahrlos über revolutionäre Ideen austauschen. 

Offizielles Gründungsdatum der ‚modernen‘ Freimaurerei ist der Zusammenschluss von vier englischen Logen zur »United Grand Lodge of England« am 24. Juni 1717. Die Freimaurerei ist seitdem zu einer »weltumspannenden Bruderkette« mit weltweit rund sechs Millionen Mitgliedern gewachsen, deren Brüder sich u. a. für die Abschaffung des Absolutismus, für Demokratie und die Anerkennung der Menschenrechte, das Ende der Sklaverei, die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika und moderner Nationalstaaten einsetzten.

Unsere Logen sind noch heute Schnittstellen der Gesellschaftsschichten. Noch heute werden Brüder ermuntert, sich mit alten Idealen, neuen Ideen und wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen. Und noch immer ist es Ziel, Brücken zu bauen, statt einander anzufeinden. Auch das Brauchtum der Steinmetzbruderschaften, das Jahrhunderte alte Ritual mit seinen Jahrtausende alten Symbolen, wird noch weitestgehend unverändert in den Logen gepflegt. Es soll die Brüder dazu ermuntern, sich u. a. in Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu üben und für zeitlose Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf- und einzustehen.

Aus der Chronik der Frisia zur Nordwacht

1886:

  • der deutsch Ingenieur Carl-Friedrich Benz erhält das Patent für seinen Motorwagen;
  • unter ungeklärten Umständen ertrinkt der zuvor entmündigte König Ludwig II. von Bayern im Starnberger See;
  • der Apachenhäuptling Geronimo ergibt sich der US-Armee, der letzte Indianerkrieg ist damit beendet;
  • in New-York wird die Freiheitsstatue aufgestellt;
  • der Coca Cola Sirup wird erfunden
  • 25. September 1886: das Stiftungsprotokoll einer Kinderheilstätte trägt dieses Datum und ist wohl eines der ersten Dokumente, das freimaurerische Aktivitäten auf Sylt dokumentiert.

Der Wortlaut: Von dem Vorsitzenden wurden dem Kassierer 93,10 M ausgehändigt. Dieser Betrag ist auf vergnügten Zusammenkünften von Freimaurern gesammelt und hat den Zweck, ein Freimaurerbett in der zu gründenden Kinderheilstätte zu errichten. Der Kassierer wird ersucht, diesen Betrag in der Sylter Sparkasse zinstragend zu belegen und dafür ein Sparkassenbuch, mit obiger Bezeichnung versehen, anzuschaffen. Gez. Pollacsek, Dr. (Chronik der Frisia, Arnold Winter, S. 2) 

Lt. Chronik wird der Betrag dem Hotelbesitzer Heinrich Hamelau zu dem Zwecke übergeben, das Geld einem Sparkonto zuzuführen. In den Folgejahren trafen sich die zur Erholung in Westerland weilenden Brüder Frm. im Hotel Victoria, Ecke Wilhelm- und Stephanstraße gelegen, wieder und erhöhten den Stiftungsbetrag in ansehnlicher Weise. Im Jahre 1894 verzeichnet Heinrich Hamelau, der 1890 als Lehrling in der Loge „Zu den drei Weltkugeln“ in Lübeck aufgenommen wurde, einen Betrag von 765,90 M auf dem Sparkonto.

Heinrich Hamelau ist vermutlich der erste Sylter Freimaurer. Diese Jahre waren ebenfalls von einer allgemeinen Zunahme der Gästezahlen in Westerland geprägt. Ihre Zahl stieg von 2900 im Jahre 1884 auf 9385 im Jahre 1892 an. Die Zahl der Einwohner betrug im Jahre 1890 1291. Westerlands Badinhaber Dr. Pollacsek erwarb die Bäder Marienlust, in Höhe der heutigen Nordseeklinik gelegen und das Wenningstedter Bad hinzu. Außerdem erhielt er 1888 von der Regierung die Genehmigung zum Bau einer Eisenbahn von Munkmarsch nach Westerland. Dr. Pollacsek war somit der Begründer der Inselbahn.

Was geschah noch in dieser Zeit?: 1880 Gründung der freiwilligen Feuerwehr. 1882 und 1884 Gründung von Postagenturen, 1885 Gründung der ersten Druckerei und Herausgabe des Sylter Intelligenzblattes.

Im Jahr 1884 verbrachten offensichtlich tatkräftige und hochengagierte Freimaurer ihren Urlaub auf Sylt. Am 1. August wurde ein Schwesternfest ausgerichtet, das immerhin von 41 Brüdern und Schwestern besucht wurde. Die gastronomische Versorgung übernahm Heinrich Hamelau. Im Juli 1894 wurde außerdem erstmals ein Protokollbuch mit Anwesenheitslisten und weiteren Aufzeichnungen angelegt. 16 anwesende Brüder beschließen regelmäßig zusammenzukommen. Von diesem Jahr an treffen die Brüder sich von Juli bis Ende September wöchentlich im Hotel Victoria. Die durchschnittliche Teilnehmerzahl beträgt 16 Brüder.

Was Geschah noch? Im Jahre 1894 entdeckte der Schweizer Tropenarzt Alexander Yersin in Hongkong den Pesterreger.

Im Zuge der zunehmenden freimaurerischen Aktivitäten in Westerland entsteht der Wunsch unter den zugereisten Brüdern, dass Westerländer Brüder einen „Kristallisationspunkt“ für die weitere freimaurerische Entwicklung bilden mögen. Der einzige Westerländer Bruder Heinrich Hamelau übernimmt zunächst Klärung der Stiftungsangelegenheit.

Ebenfalls im Jahre 1894 wird der auf dem Stiftungskonto aufgelaufene Betrag an die Hamburger Großloge, mit der Maßgabe für den stiftungsgemäße Verwendung zu sorgen, überwiesen. So wurde bereits zu dieser Zeit der Kontakt zwischen Westerland und Hamburg hergestellt.

Bis 1899 übernimmt Heinrich Hamelau eine Art Statthalterrolle in Westerland. Er sorgt für die Öffentlichkeitsarbeit,- so werden z.B. Einladungen für die regelmäßigen Zusammenkünfte an Plakatwänden auf der Strandpromenade veröffentlicht und in Inserat in der „Kurliste“ veröffentlicht. Außerdem ist er für die Einführung neu angekommener Brüder zuständig und organisiert die Schwesternfeste, derer zwei bis drei pro Jahr veranstaltet werden. Dabei sorgte er auch für das für das gastronomische Angebot.

Das Menu in den 90’er Jahren konnte folgendermaßen aussehen: Hors d’ouvres, klare Schildkrötensuppe, frische Hummer mit Mayonnaise, Filet a la jardiniere, Gänseleberpastete, junge Rebhühner, Kompott/Salat, Stangenspargel, Eis a la Nesselrode, Käse, Früchte. 

Die von den Brüdern Frm. veranstalteten Feste fanden vermutl. auch bei anderen Gästen regen Zuspruch. Nur so lassen sich die hohen Einnahmen aus den Festen erklären. Die Überschüsse aus den Festen wurden auf das Stiftungskonto eingezahlt, das im Jahre 1905 einen Betrag von 3649 M verzeichnete. Bereits im Jahre 1898 wurden zwei Kinder von Freimaurerbrüdern für je vier Wochen im Dr. Roß Kinderheim untergebracht.

Ereignisse in Westerland in diesen Jahren: 1892: Bau des Postamtes in der Stephanstraße. 1895: Bau eines Krankenhauses in der Steinmannstraße 1897: Errichtung eines Fernsprechnetzes.

m Jahre 1899 endet die engagierte Tätigkeit von Heinrich Hamelau. Offensichtlich hat er das Hotel Victoria aufgegeben. An seine Stelle tritt zunächst für ein Jahr der Bruder Franz Schmidt für die Verwaltung der Stiftung. Er bleibt aber nur für ein Jahr in Westerland.

Im Jahre 1902 zieht man aus dem Hotel Victoria aus und trifft sich später im Restaurant Freese in der Strandstraße und im Kurhaus. Insgesamt nehmen die Aktivitäten der Brüder ab, es werden keine Schwesterfeste mehr gefeiert und die Zusammenkünfte sind nur noch geselliger Natur. Zuvor hatten die Versammlungen ein strengeres Reglement. Es wurde der logenälteste Bruder zum Vorsitzenden, erklärt und die Versammlungen wurden eröffnet, geleitet und ordnungsgem. Geschlossen, die Zeitdauer wurde protokolliert. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts nimmt die Zahl der anwesenden Brüder bei den Versammlungen stetig ab und verharrt zum Schluss bei durchschnittlich neun Anwesenden. Wieder wird der Wunsch nach einer Vereinigung Westerländer Brüder geäußert, die einen Kristallisationskern für die Gäste bilden sollten. Im Jahre 1904 wird kommt es unter dem Einfluss der Brüder Dr. Ohlsen und Bendix Johannsen zur Aktivierung freimaurerischer Tätigkeiten. 1905 wird wieder ein Schwesterfest durchgeführt. In der Hochsaison finden 13 Zusammenkünfte statt an denen zwischen 25 und 28 Brüder teilnehmen. Im Jahr 1909 tritt der schon lange in Westerland lebende Arzt Dr. Paul Nicolas in die Loge „Zum Widder „ in Berlin ein und verstärkt durch rege Teilnahme die
Westerländer Veranstaltungen. Im Jahre 1910 stößt Carl Baumann, dessen Name auf der Insel bis heute wegen seiner gastronomischen Aktivitäten gut bekannt ist, hinzu. Auch er ist Mitglied der Loge „Zum Widder“ in Berlin. Carl Baumann betreibt die legendäre Baumannshöhle in der Paulstraße und ist der Hotelier des Hotels Victoria. In der Kurzeitung der damaligen Zeit findet man für beide Geschäfte Inserate unter seinem Namen. Der anfangs hochengagierte Heinrich Hamelau tritt zu dieser Zeit nicht mehr in Erscheinung.

In den folgenden Jahren werden in jeder Saison Schwesterfeste mit befriedigender Beteiligung abgehalten. Am 3.Juli 1914 findet die vorerst letzte Veranstaltung, an der zwölf Brüder und neun Schwestern teilnehmen, statt. Als 1914 die Schatten des Ersten Weltkrieges über Europa liegen, erlischt auch auf Sylt die Aktivität der Freimaurerei. Es verbleibt nur ein kleiner Stamm Westerländer Frm. Brüder. Zu ihnen gesellen sich aber doch bald weitere Brüder, die durch die militärische Besetzung auf die Insel gekommen sind.

Im Sommer 1915 versammeln sich die Brüder Julius Piening, Dr. Nicolas, Lorenz Lassen, Heinrich Krieger und wohl auch Carl Baumann erstmals wieder im Hotel Victoria. Von dieser Gruppe geht der Impuls aus, alle auf der Insel befindlichen Brüder einzuladen und ein “freimaurerrisches Kränzchen“ zu
gründen. Man fasst den Entschluss die auf der Insel verweilenden Freimaurerbrüder alle 14 Tage zu einem Kriegskränzchen zu versammeln. Dieser Beschluss ist am 21.08.1915 protokolliert und neben den bereits genannten Brüdern von den Brüdern Westphalen, Otto Christians, August Diemkannn Ernst Schröder und Ernst Schürenberg unterzeichnet.

Was geschieht noch in diesen Jahren: 

  • 14/15. April 1912: Untergang der Titanic 
  • 28.Juni 1914: tödliches Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand
  • August 1914: mit allseitigen Kriegserklärungen der europäischen Nachbarn beginnt der Erste Weltkrieg
  • 30. August: 17 Marinesoldaten der in der Nordsee von englischen Panzerkreuzern versenkten Kreuzer „Mainz“ und „Köln“ werden am Sylter Weststrand angetrieben 
  • 22. April 1915: an der Westfront wird von deutschen Soldaten erstmals Giftgas als Waffe eingesetzt: der Gaskrieg hat begonnen.

Auf Sylt folgen nach und nach die auf der Insel stationierten Frm. Brüder der Einladung der Westerländer Brüder. Es sind: Rudolf Ude. Georg Krickhuhn, Julius Schöss, später folgen Carl Darmer, Carl Dettmer und der uns bereits bekannte Dr. Ohlsen, der zu dieser Zeit in List stationiert war. Einige Brüder werden auch in der späteren Entwicklung unserer Loge eine Rolle spielen Am 2. Oktober 1915, am Tag des 68. Geburtstages von Generalfeldmarschall Hindenburg, bereits 8 Wochen nach dem Treffen der Westerländer Brüder im Hotel Victoria, beschloss die Versammlung die Gründung einer freimaurerischen Vereinigung. In diesem Rahmen wurde auch der Name der Vereinigung vorgeschlagen und angenommen. Carl Dettmer, Marine-Oberingenieur in List und Mitglied der Loge „Anker zur Eintracht“ in Vegesack hatte den Namen „Frisia zur Nordwacht“ ersonnen.

Zum ersten Vorsitzenden wird Dr. Paul Nicolas gewählt, der zweite Vorsitzende wird br. Rudolf Ude, Schriftführer und Kassierer wird Br. Julius Piening. Die Patenschaft der freimaurerischen Vereinigung „Frisia zur Nordwacht“ übernimmt die Lübecker Loge „Zum Füllhorn“. Am 29. Februar 1916 genehmigt die Große Landesloge die Gründung der Vereinigung und den Namen „Frisia zur Nordwacht“. Die Gründung einer freimaurerischen Vereinigung war somit vollzogen.

Eine freimaurerische Vereinigung, auch Kränzchen genannt, das bleibt an dieser Stelle noch zu erklären, ist eine Vereinigung von Freimaurern der gleichen oder verschiedener Großlogen, die sich an Orten treffen, in denen es infolge geringer Mitgliederzahlen noch nicht möglich ist, eine Loge zu gründen. Die Vereinigungen unterstehen in de Regel dem Schutz einer Loge, hier die Loge
„zum Füllhorn“ in Lübeck. Sie arbeiten ohne besondere Rituale. Ihre Stellung innerhalb einer Großloge ist aber bereits geregelt und sie können als Vorstufe zur Logenbildung aufgefasst werden, was dann zunächst als Feldloge mit dem 27.Januar 1917 als Gründungstag und dem 22. März 1919 als Gründungstag für die Umwandlung in eine gesetzmäßige und vollkommene Johannisloge, vollzogen wurde.